Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause


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George’s Sonnenaufgang

Okay, mein erster Versuch. Das hier wird der erste Blogeintrag, ich muss das noch lernen 🙂

Ich hätte euch gerne zu Beginn eine fröhliche Geschichte erzählt. Aber in der letzten Woche hatte ich ein so prägnantes Erlebnis, das ich teilen möchte.

Ich bin nun mit Ausbildung 14 Jahre in meinem Beruf. 11 davon ausschließlich im Funktionsbereich Intensivmedizin/ Anästhesie. Rein statistisch gesehen, müsste ich den Beruf nächstes Jahr an den Nagel hängen. Der Durchschnitts-Pfleger bleibt heute max. 15 Jahre im Beruf. Auf Intensivstationen sind es wohl oft nur 10 Jahre. Aber dazu komme ich ein andres mal.

 

Letzte Woche lag George bei uns. Ich wähle in solchen Fällen gerne den Namen George. Für alle die „Scrubs“ nie gesehen haben, George muss sterben. JD und Turk leisten ihm die letzten Stunden Gesellschaft, damit er nicht alleine sterben muss.

Manchmal frage ich mich, warum überhaupt jemand alleine sterben muss. Ist das nötig? Aber der gesellschaftliche Wandel macht es heute immer häufiger. Viele Menschen leben zurückgezogen. Oft freiwillig, aber noch öfter sind sie sozial ausgegrenzt oder mit der Familie zerstritten.

George begleitete uns bereits einige anstrengende Nachtdienste. George war im Durchgang, also sehr durcheinander und anstrengend zu führen. Aber diese Nacht war besonders. Er betete, sang Kirchenlieder und bat darum, sein Testament diktieren zu dürfen.

Der Nachtdienst war so gut wie vorbei, wir befanden uns bereits in der Übergabe. George sagt, er sei jetzt soweit, aber wir ordneten es nicht richtig ein. Plötzlich steht George auf, geht zum Fenster um sich den Sonnenaufgang anzusehen und legt sich wieder ins Bett. Nur Sekunden später, roter Alarm, alle in heller Aufregung. George ist tot. Ich stehe daneben.

Da stehst du nun selbst völlig verlassen im Raum, und alles um dich herum fühlt sich plötzlich komisch an. Er hats mir vorher gesagt. Er hat sich die ganze Nacht drauf vorbereitet und mit mir auf den Sonnenaufgang gewartet. Auch nach so vielen Jahren im Beruf, sowas habe ich noch nicht erlebt. Und zum ersten Mal seit langer Zeit, war ich traurig.

Jetzt, ein paar Tage später bin ich zur Ruhe gekommen. George hat diesen Moment ganz bewusst ausgewählt. Und ich hatte die Ehre, seinen letzten Sonnenaufgang mit ihm erleben zu dürfen. George und ich kannten uns kaum. Aber wir haben diesen ganz besonderen Moment geteilt. Ein Moment, den sonst niemand mit ihm teilen wollte.

George hat mir etwas gezeigt, was ich schon lange vergessen hatte. Ich bin nicht unverwundbar, und das sollte man in meinem Beruf auch nicht sein. Viele Menschen sterben bei uns, das ist nunmal so. Man stumpft ab, evtl um sich selbst zu schützen. Unter dem Mantel „ich mach das hier so lange, mich trifft nix mehr“ versteckt man seine Sorgen und seine Ängste.

Aber er hat mir auch gezeigt, das man keine Angst vor dem Tod haben muss, man kann sich vorbereiten. Und das ist für mich als Pfleger ganz wichtig, denn oft begleiten wir Patienten und Angehörige in den letzten Stunden.

Das ist mein Job, ich wollte das so.

Das ist mein Job, und ich bin stolz darauf!

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