Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause

Sperrstunde!

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Ich fahre seit gut 10 Jahren Rettung in 2 Großstädten im Ruhrgebiet. Hier herrscht eine ganz bestimmte Art von Menschlichkeit. Manchmal einfach, das gebe ich gerne zu. Aber im Grunde lässt es sich hier prima leben.

Sowohl im Rettungsdienst, als auch in der Klinik erlebt man ne ganze Menge, was einen an der Gesellschaft zweifeln lässt.

 

 

Es ist spät. Oder eher gesagt, früh. Ich habe aufgehört die Einsätze zu zählen. 10, 12, 17? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war ich schon 4x im Bett. Aber bis zum Einschlafen hats nie gereicht.

Es ist bestimmt schon 4 Uhr als der Melder mich hindert die Schuhe auszuziehen um den 5. Versuch zu schlafen zu starten. „Schlägerei“, Polizei vor Ort. Ganz toll. Mit dem blitzenden Blaulicht donnern wir durch unseren Stadtteil. Ich mag die Gegend. Ruhig, wunderschöne alte Häuser, ein ganz besonderer Flair. Ein bißchen was besonderes in unserer dreckigen Stadt. Eine Insel. Ich sehe mir gerne während der Fahrt die Gegend an. Ich bin hier groß geworden.

An der Kneipe angekommen, stockt mir kurz der Atem. 6 Streifenwagen stehen kreuz und quer auf der Straße, die Türen noch offen, die Motoren laufen noch. es musste anscheinend verdammt schnell gehen. Die Kneipe ist völlig verwüstet, kein Stein mehr auf dem andren. Mindestens 4 Leute werden grade von den Polizisten gebändigt, 3 Beamte sichern mit der Hand an der Waffe. Auf dem Boden liegt blutverschmiert der schwer verletzte Inhaber. Junger Mann, 5 Jahre jünger als ich. Hat sich mit dem Laden einen kleinen Traum erfüllt. Nein, keinen kleinen Traum. Seinen Traum!

Ihr mögt euch denken „Hey, was ist das für ein Weichei?Ist man das in der Großstadt nicht gewohnt?“. Doch, irgendwie schon.

Aber die Täter, alle Anfang 20, wollten kein Geld, es ging nicht um die üblichen Probleme.

Der Inhaber wollte pünktlich Feierabend machen und nach hause, er forderte die Jungs auf zu gehen. Daraufhin haben sie ihn zu viert bearbeitet und Brennholz aus der nagelneuen Einrichtung gemacht. Niemand darf ihnen vorschreiben, wann sie nach hause gehen! In der Kasse fehlte nicht ein Cent. Niemand hat vorher beleidigt oder Streit gesucht. Ohne Vorwarnung.

Wir versorgen den jungen Mann. Ich bin todmüde und muss mich konzentrieren. Und dennoch schweift mein Blick durch den Laden.Ein Traum! Er muss sein ganzes Geld investiert haben, um sich diesen Traum zu erfüllen. Er hat das gemacht, was ihm Spaß macht, er hat etwas erreicht, was manch andre niemals schaffen werden. Er hat sich aus einem Kreis gelöst, den ich wohl so schnell nicht verlassen kann.

Mich hat die Graumsamkeit und die Brutalität der Jugendlichen bis auf die Knochen schockiert. Ich lebe in einer Zeit, in der Gewalt an der Tagesordnung ist. Aber soetwas habe ich noch nie vorher erlebt.

Mit dieser Generation Mensch muss ich zusammenleben, Tür an Tür. Meine Kinder werden mit denen leben müssen. Wo geht der Weg noch hin? Wo werden wir enden? Was erwartet mich noch? Was passiert beim nächsten Mal, wenn die Polizei nicht vor mir da ist. Muss ich mir auch Sorgen um meine Sicherheit machen? Rote Hosen bedeuten heute nicht mehr automatisch Respekt. Wir werden genau so angegriffen wie die Polizei.

Ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen sozialen Schichten wird wohl nie möglich sein. Aber das, was ich in dieser Nacht erlebt habe, war garantiert nur der Anfang vom Ende.

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Autor: desflurator

Medizin basiert auf Aberglaube!

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