Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause


Ein Kommentar

Nightshift!

ab heute Abend ist es wieder soweit, ich habe wieder Nachtdienst.

Nachtdienst ist toll. Ich arbeite gerne nachts. Es ist weniger Personal da, dadurch wirds deutlich leiser. Nicht so viel Gebrüll. Die diagnostischen Fahrten und Therapien fallen weg. Wir versuchen einen Tag-Nacht-Rhythmus zu imitieren, daher wird alles abgedunkelt und die Alarme etwas leiser gedreht.

Verdammte scheiße, diese Lügerei passt mir nicht. Nachtdienst ist kacke!

Es ist deutlich weniger Personal da, aber die Patienten sind genau so krank wie tagsüber. Anstatt zwei Ärzten, haben wir nur noch einen, der sich um alle kümmern muss. Oft passt es einfach nicht, da müssen wir selbst handeln und uns aufeinander verlassen. Notaufnahmen kommen regelmäßig direkt zu uns, ohne im Schockraum versorgt zu werden. Denn auch dort passt es nachts nicht.

Scheiß auf Tag-Nacht-Rhythmus! Die Alarme ballern die ganze Nacht weiter, die Dialysen sind viel zu laut um daneben zu schlafen. Pflegekräfte brauchen das Licht. Dort wo es möglich ist, nutzen wir Taschenlampen. Stellt euch mal vor, ihr wacht auf und es steht jemand mit einer Taschenlampe neben euch.

Irgendwann kommt der tote Punkt. meist so gegen 3. Du kannst die Augen kaum noch offen halten. Um mich wach zu halten räume ich die Station auf. Schränke auffüllen, Pflegewagen auswaschen und neu befüllen,etc. Alles Sachen die tagsüber nicht gehen. Alles Sachen, die Lärm machen.

Dann kommt der Notfall. Wir unterstützen die jungen Ärzte so gut wir können. Das heißt, ich muss vorher wissen welche Medikamente er haben will, Beatmung und Intubation vorbereiten, Zugänge legen. Manchmal Sachen, die ich eigentlich gar nicht darf, aber dennoch wurde ich jahrelang drauf trainiert es zu können. Für genau diesen Fall.

Maximale Konzentration! Und das bei dem geistigen Zustand eines Faultieres. Da hilft auch kein Adrenalinschub mehr. Obwohl die in letzter Zeit seltener kommen. Ich habe fast alles schonmal gesehen, ich hab weniger Angst als früher. Vieles kann ich auswendig, aber ich darf mich nicht drauf verlassen. Dann werde ich nachlässig.

Bei der Übergabe ist es am schlimmsten. Ich kann mich kaum noch konzentrieren. Manchmal fallen mir die Namen meiner Patienten nicht mehr ein. Ich muss ihnen Nummern geben. Sie bekommen die Nummern der Betten, in denen sie liegen. Manchmal fallen mir einfachste Worte nicht ein.

Dann darf ich nach draußen.

Mist, draußen ist es hell. Ich kann nicht schlafen, wenn es draußen hell ist. Also noch schnell ein Bier, vielleicht hilfts ja. Aber heimlich. Sollten die Kinder zu früh aufstehen, sollten sie das nicht sehen. Dann ab ins Bett und Ruhe finden.

Zwischen den Diensten sehe ich meine Familie nicht, ich komme kaum aus dem Bett raus. Aber nicht weil ich schlafe, sonder weil ich nicht schlafen kann und mir die Kraft fehlt.

Diese Woche habe ich 4 Nachtdienste. Letzte Woche 6. Tage an denen ich meine Kinder nicht sehen, und nicht am Leben teilhaben kann.

Nachtdienst macht krank. Nachts essen macht krank. Tagsüber schlafen macht krank. Meine Kinder nicht sehen macht krank.

Ich mag meinen Job. Tagsüber. Aber nachts kotzt er mich an, und ich wünsche mir, ich hätte was andres gelernt.

Aber der Nachtdienst gehört nunmal zum Job. Dennoch wird der Nachtdienst der Grund sein, warum ich diesen Beruf bald nicht mehr ausüben kann. Heute gehts noch, aber in einem Jahr oder zwei? Ich weiß es nicht. Und vor allem weiß ich nicht, wohin soll ich, wenn ich nicht mehr pflegen kann?


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Internet ist Teufelswerk!

„Internet ist Teufelswerk!“, so warnte mich schon vor Jahren ein Freund.

Ich komme gerade aus dem Urlaub zurück.Ich war an dem wohl schönsten Ort der Welt, einem Ort ohne Mobilfunknetz!

Gerade angekommen stellte ich fest „Mist,gerade mal ein Balken.“ Somit war klar, kein Facebook, kein Twitter, keine Emails, kein Whattsapp. Eine Welt bricht zusammen! Wie soll ich Kontakt zu euch halten?

Der erste Tag war fürchterlich.Ich hatte festgestellt, das ich nach ca. 35 Minuten Fußmarsch an einer Stelle am Strand Netz habe! Wie oft am Tag kann ich da wohl hin,ohne das meine Frau misstrauisch wird?

Ich fragte mich,was hat das Internet aus mir gemacht?Einen Smartphone-Junkie. Abhängig und hilflos. So viele super Tweets, soviele FB-Posts und Swarm-Logins gingen mir verloren.Verdammte Scheiße!

Aber schon am zweiten Tag fragte ich mich, warum kann das Internet sowas aus mir machen? Bin ich selber schuld?

Also im Bücherladen eine Straßenkarte gekauft und alles so gemacht, wie mein Vater es mich gelehrt hat. Und was soll ich sagen,ich hatte die tollste Woche seit langem! Ohne Druck im Nacken erkundete ich die Gegend,saß stundenlang am Strand und sah meinen Kindern beim Buddeln zu.Okay,ohne Uhr und Handy kamen wir zu spät zum Essen. Ich bezweifle auch,das ich sonst schonmal bei einer meiner Radtouren mit meinem Püppchen festgestellt habe, das hinter mir jemand mit ausgebreiteten Armen sitzt und aus voller Überzeugung Lieder aus Disneys „Eiskönigin“ singt. Oder ihre Selbstgespräche beim Spaziergang. Jetzt keine verrückten Gespräche, sondern die eines 5jährigen Kindes, so wie „oh,ein Stein.Noch ein Stein.Na wo kommen die wohl her? Ob der Vogel da drüben Fisch mag? Wo kommt eigentlich der Sand her? Irgendwie riecht es hier nach Fisch. Oh,ein Stein…..“

Am 4. Tag habe ich mich sogar erwischt,wie ich ohne Handy das Haus verlassen habe.Mit Absicht!

Ich habe mich lange nicht mehr so gut und kräftig gefühlt wie diese Woche. Und nur, weil ich auf Internet und ständige Erreichbarkeit verzichtet habe.

Internet ist Teufelswerk. Nicht immer, aber oft.Immer öfter.

Und als ich in den Dünen saß, zwischen Sanddorn und Hagebutte, ging über Heiligendamm (oder wie mein Sohn sagte“ Beten-Dorf) die Sonne unter.Ein paar Wolken hingen noch am Himmel.Und plötzlich tauchte die untergehende Sonne den Himmel und die Ostsee für ca. 4 Minuten in ein solch eindrucksvolles rot,das muss ich euch zeigen…

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Und so habe ich wieder ein paar Meter auf der Suche nach mir selbst zurückgelegt und festgestellt,ohne Ablenkung, mit wachen Augen und offenen Ohren macht die Suche noch viel mehr Spaß!