Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause


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Angst vor Veränderung

Aufgrund der negativen Veränderungen in meiner Klinik und der kaum aufzuhaltenden Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen in der Pflege beschloss ich vor ein paar Wochen,einfach mal ein paar Bewerbungen rauszuhauen. Mal sehen was so geht. Schlimmer kanns ja kaum werden.

Aufgrund meiner langen Berufserfahrung und meiner Erfahrungen in der Selbstständigkeit war es erstaunlich leicht im privaten Sektor etwas zu finden.Und alle meine Erfahrungen wurden honoriert,es ist unglaublich was man ausserhalb der Klinik verdienen kann! Es war aber auch bestimmt von Vorteil,das ich verhandlungssicher bin und mir nichts wegnehmen lasse.

Anfang der Woche kam dann die Bestätigung,ich kann den neuen Job haben, wenn ich will.Geblendet von der Frage ob ich will (ja,ich wurde GEFRAGT,zum ersten Mal in meinem Pflegeleben hat man mich gefragt!) begann mein Kopf an zu arbeiten.

Der neue Job hat immer noch was mit Medizin zu tun.Aber Montag bis Freitag und relativ geordnete Arbeitszeiten. Viel Kundenkontakt.

Mein Bauch sagt „mach es!“.

Mein Herz sagt „trau dich!“

Das Hirn sagt „du hast 14,5 Jahre gelernt um jetzt was andres zu machen?Du bist ein Idiot!“

Ich halte mich für einen selbstsicheren, starken Menschen. Aber nun bin ich ins straucheln geraten. Die Situation auf die ich lange gewartet habe ist da, und nun beginne ich zu zweifeln.Vielleicht habe ich auch Angst das gewohnte Fahrwasser zu verlassen.

Kann ich meine Kinder weiter in einem 9to5-Job so begleiten wie jetzt im Schichtdienst,wo man auch mal 5 Tage frei haben kann.Wie verlässlich werden meine Arbeitszeiten werden?Was wird mit all meinem Fachwissen im Kopf passieren, wenn es nicht mehr abgefragt wird? Bin ich überhaupt ein Schreibtisch-Mensch?

Letztlich glaube ich nicht, das mein Beruf in der Klinik Zukunft hat.Weder finanziell noch körperlich. Wir wissen alle das es wohl das sicherste ist,sich neu zu orientieren. Aber ich habe nie damit gerechnet das ich so anfangen werde zu zweifeln,wenn sich mir die große Chance auf einen Neuanfang bietet.

Bin ich etwa doch unbewusst auf die in der Pflege übliche Gehirnwäsche reingefallen? Alles für den Dackel,alles für den Club! Dienst am Menschen, allzeit bereit, wenn nicht wir,wer dann?

Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Ich glaube,jede einzelne Hirnwindung vor Schmerzen spüren zu können!

Und wieder mal stehe ich vor der Frage „wer bin ich,wenn ich nicht mehr pflege?“. Nur diesmal ist es so,das ich mich entscheiden muss.Bleibe ich stehen,oder gehe ich weiter ohne zu wissen wo der Weg hingeht?


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pflegt den Pfleger!

Noch letzte Woche berichtete ich euch, wie müde mein Beruf mich macht. Ich habe gesagt,wie gut ich die steigende Anzahl der Krankmeldungen verstehen kann und daß das aktuelle Szenario auf meiner Station nicht gut ausgehen kann.

Vor inzwischen 5 Wochen überfiel mich eine schwere Männergrippe. Arbeitgeberfreundlich in meinem Urlaub. Der Pfleger wusste genau was er tat,kurierte alles soweit aus wie es ging und begab sich pflichtbewusst pünktlich zurück an die Front. Eine 16-Betten-Station. 16 Möglichkeiten sich neu zu infizieren.

Auch als der Arbeitgeber uns letzte Woche Geld und Personal reduzierte, ignorierte ich den Husten,die belegte Stimme,die körperliche Schwäche und die Belastungstachycardien. Macht man ja so. Schnupfen kommt von alleine, Schnupfen geht von alleine.Läuft!

Oder?

Mitte dieser Woche schlug ich spontan mit Rückenschmerzen bei meinem Hausarzt auf. Rückenschmerzen sind für Pflegekräfte keine Krankheit mehr, sondern Alltag und werden ignoriert. Ich hatte es nur versäumt mir Ibuprofen zu besorgen. Ich hatte wohl in meinem ganzen Berufsleben nur einen Tag keine Rückenschmerzen, an meinem ersten Arbeitstag.

Überspringen wir die nächsten 5 Stunden. Ich liege nun stationär. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich der Kunde.

Die Tests sind jetzt durch und ich bekomme endlich meine Antibiose. Aber ich habe selten so ein Schwein gehabt. Ich bin quasi um Arschhaaresbreite an einer Myocarditis vorbei. Ich komme keine Treppen hoch und kann nicht flach liegen. Weitere Details erspare ich euch. Aber am Montag darf ich wohl nach hause. Es wird noch 1-2 Wochen dauern bis ich meine Intensiv wieder betreten darf.Oder kann.

Es war ein Schnupfen, ein gottverdammter Schnupfen. Mehr nicht. In meinen Augen jedenfalls.

Obwohl ich es hätte besser wissen müssen, habe ich meine Gesundheit für meinen Job riskiert.

Am Ende ist es nur ein Job.Mehr nicht.

Seid schlauer als ich und riskiert nichts. Geht zum Arzt wenn ihr krank seid, auch wenn ihr vorher vielleicht meint genau zu wissen was euch fehlt.

Manchmal muss man bei Hufklappern eben doch an Zebras denken.