Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause


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magst du mich? wann kommst du wieder?

vor ein paar Tagen genehmigte ich mir mal eine kurze Auszeit und sah mir das Programm von Dr. Eckart von Hirschhausen an. Medizinisches Kabarett, wie er es nennt. Ein toller Mensch.Nicht unbedingt ein guter Komiker,aber die Mischung aus Humor, Magie, Politik, Medizin und Life-Coaching ist einmalig. Wer ihn nicht kennt, beschäftigt euch mal damit.

In seinem Programm sprach er auch  Kinder, insbesondere autistische Kinder an. Er sagte, die 2 zentralen Fragen im Leben eines Kindes sind:

„Magst du mich?“

„Wann kommst du wieder?“

Man könnte nu denken „wie,mehr nicht?“. Aber man könnte auch denken, wie schön ein Leben sein kann wenn man sich nicht um so viele Sachen Gedanken machen muss und der Kopf voll mit noch viel mehr Fragen ist. Und letztlich haben wir alle den einen Menschen, um dessen Aufmerksamkeit wir buhlen und wir uns wünschen, möglichst viel Zeit mit ihm zu verbringen. Oder?

So begeistert und überzeugt ich auch von diesem Statement war, für einen Blogbeitrag hätte es erst nicht gereicht.

Aber dann kam gestern Uschi. Hier im Pott heißen sie alle Uschi 😉 Uschi ist schon alt und liegt seit ein paar Tagen bei uns auf Station. Durch ihre Erkrankung ist sie schwerst durcheinander. Es ist nicht einfach mit ihr. Beim ersten Pflegekontakt gestern schlug sie nach mir. Als ich sie mobilisieren wollte, holte sie eine spitze Schere unter dem Kopfkissen hervor und versuchte mir die in die Schulter zu stechen. Fingerfertig wie sie ist,hatte sie die dem Frühdienst beim letzten Durchgang aus der Tasche gezogen. Wütend und im Selbsterhaltungs-Trieb konnte ich ihr die Schere in einem kleinen Gerangel abnehmen.Als Dank kippte sie mir den frischen Kaffee über die Füße. Kurzum, sie wurde von uns aufgrund der Fremdgefährdung wieder fixiert.

Kaum ist sie fixiert, guckt sie mich mit großen Augen an „magst du mich jetzt nicht mehr?“. Ich konnte mir ein erzwungenes „doch,natürlich“ abringen. Sie meinte „gut,ich schlafe jetzt etwas.Sehen wir uns nachher noch?“.

Und da waren sie wieder in meinem Kopf, die 2 zentralen Fragen im Leben eines Menschen. Magst du mich? Wann kommst du wieder?

Und hätte ich diese 2 Fragen nicht kurz zuvor auf diese besondere Art und Weise beigebracht bekommen, wäre mir dieser komische, aber beeindruckende Moment nie aufgefallen. Ein Moment in dem eine verängstigte Person um Aufmerksamkeit buhlt. Der Weg war falsch, darüber brauchen wir nicht reden. Aber es war nicht das, für was ich es normalerweise gehalten hätte, eine durchgeknallte Irre die mir an die Kehle will.

Wir brauchen mehr Zeit in der Pflege um auf solche Menschen eingehen zu können. Wir brauchen die Ruhe und die Möglichkeiten, uns individuell um die Menschen, nicht Kunden, kümmern zu können.

Auch hierzu sagte Hirschhausen etwas schönes.

Er ließ alle Pflegekräfte (etwa 50) im Saal aufstehen und bat um einen respektvollen Applaus. Dann sagte er „sehen Sie diese Menschen dort?Das sind die Pflegekräfte,die dank der Regierung in 20 Jahren nicht mehr ausreichen werden um sie gefahrlos vom Bett zur Toilette zu bringen!“

Hirschhausen hält viel von der Pflege, aber das würde jetzt hier den Rahmen sprengen 😉

Danke für eure Aufmerksamkeit und einen tollen, sonnigen Samstag!


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was ist es DIR wert?

vor einigen Monaten hat Kollege Heinz (wie immer Name an den Pott angepasst) unsere Station verlassen.

Ein herzensguter und engagierter Mensch, seit kaum zählbaren Jahren in der Pflege. Er hatte für alles eine Lösung und konnte so ziemlich jedes Gerät reparieren.Schlafend.

Heute wurden wir informiert,das er sich vor kurzem das Leben genommen hat.Die Pflege hat ihn zerfressen.

In was für einer Welt leben wir, in der dein Beruf dich langsam umbringt, deine Seele schwarz färbt?

Aber es war nicht die einzige schlechte Nachricht.

Vor ca. 8 Wochen wurde Horst (Name natürlich geändert) bei uns aufgenommen.Ihr kennt das,wenn ihr zum Dienst kommt,und ein bekannter Name steht auf der Tafel? Nein? Schwein gehabt.

Ich kenne Horst seit gut 2 Jahren. Ein Kerl wie ein Baum,tätig in einem höchst sozialen Beruf. Jetzt ist er krank. Keine 40 Jahre alt, Frau und Kinder, mit beiden Beinen im Leben und dennoch so viel vor.

Das war vor 8 Wochen. Anfang der Woche ist er verstorben. Ohne die Möglichkeit sich richtig zu verabschieden. Mitten in dem was wir „Leben“ nennen.

Ich denke nach.Was ist mein Leben wert? Ich arbeite wie ein Tier und halte mit Kraft mein Geld zusammen,für „wenn mal was ist“. Springe ein, habe einen Nebenjob, kümmere mich um meine kranke Oma, mache Hausaufgaben mit den Kids und versuche irgendwie Sport zu treiben um arbeitsfähig zu bleiben.

Keiner weiß,was morgen passiert.Was ist,wenn ich in ein paar Jahren auch dran bin.

Ich will jetzt bestimmt nicht dazu auffordern, eure Geldreserven zu verpulvern. Aber macht euch Gedanken, was ist es euch wert? Wir sollten vieles entspannter sehen, und den Urlaub notfalls auch mal etwas mehr kosten lassen.Kauft euch Musik, die ihr gerne hört, esst was ihr wollt,macht Sport weil es Spaß macht, lasst euch auf der Arbeit nicht ärgern.

Das Leben ist zu kurz um es von Geiz und dem Job regieren zu lassen.

Noch diese Woche müssen wir Horst das letzte Geleit geben. Meine Stadt verliert einen Helden. Ich verliere einen Kollegen, andere einen Kumpel, sie verliert ihren Ehemann, ein tolles Mädchen ihren Vater.

Seid ihr fertig?Habt ihr alles gesehen und gemacht,was auf eurer Liste steht? Ihr habt keine Liste? Ich auch nicht.Aber ich werde eine anlegen.

Ich habe etwas ganz wichtiges gelernt letzte Woche.

1. Es kommt immer anders! und 2. als man denkt!