Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause

magst du mich? wann kommst du wieder?

3 Kommentare

vor ein paar Tagen genehmigte ich mir mal eine kurze Auszeit und sah mir das Programm von Dr. Eckart von Hirschhausen an. Medizinisches Kabarett, wie er es nennt. Ein toller Mensch.Nicht unbedingt ein guter Komiker,aber die Mischung aus Humor, Magie, Politik, Medizin und Life-Coaching ist einmalig. Wer ihn nicht kennt, beschäftigt euch mal damit.

In seinem Programm sprach er auch  Kinder, insbesondere autistische Kinder an. Er sagte, die 2 zentralen Fragen im Leben eines Kindes sind:

„Magst du mich?“

„Wann kommst du wieder?“

Man könnte nu denken „wie,mehr nicht?“. Aber man könnte auch denken, wie schön ein Leben sein kann wenn man sich nicht um so viele Sachen Gedanken machen muss und der Kopf voll mit noch viel mehr Fragen ist. Und letztlich haben wir alle den einen Menschen, um dessen Aufmerksamkeit wir buhlen und wir uns wünschen, möglichst viel Zeit mit ihm zu verbringen. Oder?

So begeistert und überzeugt ich auch von diesem Statement war, für einen Blogbeitrag hätte es erst nicht gereicht.

Aber dann kam gestern Uschi. Hier im Pott heißen sie alle Uschi 😉 Uschi ist schon alt und liegt seit ein paar Tagen bei uns auf Station. Durch ihre Erkrankung ist sie schwerst durcheinander. Es ist nicht einfach mit ihr. Beim ersten Pflegekontakt gestern schlug sie nach mir. Als ich sie mobilisieren wollte, holte sie eine spitze Schere unter dem Kopfkissen hervor und versuchte mir die in die Schulter zu stechen. Fingerfertig wie sie ist,hatte sie die dem Frühdienst beim letzten Durchgang aus der Tasche gezogen. Wütend und im Selbsterhaltungs-Trieb konnte ich ihr die Schere in einem kleinen Gerangel abnehmen.Als Dank kippte sie mir den frischen Kaffee über die Füße. Kurzum, sie wurde von uns aufgrund der Fremdgefährdung wieder fixiert.

Kaum ist sie fixiert, guckt sie mich mit großen Augen an „magst du mich jetzt nicht mehr?“. Ich konnte mir ein erzwungenes „doch,natürlich“ abringen. Sie meinte „gut,ich schlafe jetzt etwas.Sehen wir uns nachher noch?“.

Und da waren sie wieder in meinem Kopf, die 2 zentralen Fragen im Leben eines Menschen. Magst du mich? Wann kommst du wieder?

Und hätte ich diese 2 Fragen nicht kurz zuvor auf diese besondere Art und Weise beigebracht bekommen, wäre mir dieser komische, aber beeindruckende Moment nie aufgefallen. Ein Moment in dem eine verängstigte Person um Aufmerksamkeit buhlt. Der Weg war falsch, darüber brauchen wir nicht reden. Aber es war nicht das, für was ich es normalerweise gehalten hätte, eine durchgeknallte Irre die mir an die Kehle will.

Wir brauchen mehr Zeit in der Pflege um auf solche Menschen eingehen zu können. Wir brauchen die Ruhe und die Möglichkeiten, uns individuell um die Menschen, nicht Kunden, kümmern zu können.

Auch hierzu sagte Hirschhausen etwas schönes.

Er ließ alle Pflegekräfte (etwa 50) im Saal aufstehen und bat um einen respektvollen Applaus. Dann sagte er „sehen Sie diese Menschen dort?Das sind die Pflegekräfte,die dank der Regierung in 20 Jahren nicht mehr ausreichen werden um sie gefahrlos vom Bett zur Toilette zu bringen!“

Hirschhausen hält viel von der Pflege, aber das würde jetzt hier den Rahmen sprengen 😉

Danke für eure Aufmerksamkeit und einen tollen, sonnigen Samstag!

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Autor: desflurator

Medizin basiert auf Aberglaube!

3 Kommentare zu “magst du mich? wann kommst du wieder?

  1. Schöner Beitrag.
    In Koblenz hat er das mit den Pflegekräften gestern etwas anders ausgedrückt. Er meinte er könnte es verstehen, daß Lokführer und Piloten streiken. Schließlich wären sie dafür verantwortlich, uns wohlbehalten von A nach B zu bringen. Aber was wäre mit den Pflegekräften? Ohne diese kämen wir später nicht mal mehr vom Bett zum Klo.
    Ist vielleicht noch etwas drastischer ausgedrückt, aber man kann ihm nur Recht geben. Ein sehr sympathischer Mann.

    Gefällt 1 Person

  2. In einer schwierigen Phase meines Lebens, wurde es irgendwann auch schwierig mit meiner damals noch kleinen Tochter. Ich war ziemlich mit meinen Problemen beschäftigt kümmerte mich wohl zu wenig um sie. Also wurde sie immer wieder recht aggressiv.
    Irgendwann sprach ich mit ihrer Kindergartenleiterin darüber. Diese schlaue Frau sagte daraufhin etwas, das hier auch gut passt: „Wenn man/Kind nicht durch gute Dinge auffallen (hier: erfolgreich um Aufmerksamkeit buhlen) kann, dann muss man/Kind eben negativ auffallen“. Daher gebe ich Dir ebenso recht: Man braucht (generell und natürlich auch in der Pflege) mehr Zeit für einander, damit die schönen Momente wahrgenommen werden können.

    Gefällt 1 Person

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