Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause


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was ist es DIR wert?

vor einigen Monaten hat Kollege Heinz (wie immer Name an den Pott angepasst) unsere Station verlassen.

Ein herzensguter und engagierter Mensch, seit kaum zählbaren Jahren in der Pflege. Er hatte für alles eine Lösung und konnte so ziemlich jedes Gerät reparieren.Schlafend.

Heute wurden wir informiert,das er sich vor kurzem das Leben genommen hat.Die Pflege hat ihn zerfressen.

In was für einer Welt leben wir, in der dein Beruf dich langsam umbringt, deine Seele schwarz färbt?

Aber es war nicht die einzige schlechte Nachricht.

Vor ca. 8 Wochen wurde Horst (Name natürlich geändert) bei uns aufgenommen.Ihr kennt das,wenn ihr zum Dienst kommt,und ein bekannter Name steht auf der Tafel? Nein? Schwein gehabt.

Ich kenne Horst seit gut 2 Jahren. Ein Kerl wie ein Baum,tätig in einem höchst sozialen Beruf. Jetzt ist er krank. Keine 40 Jahre alt, Frau und Kinder, mit beiden Beinen im Leben und dennoch so viel vor.

Das war vor 8 Wochen. Anfang der Woche ist er verstorben. Ohne die Möglichkeit sich richtig zu verabschieden. Mitten in dem was wir „Leben“ nennen.

Ich denke nach.Was ist mein Leben wert? Ich arbeite wie ein Tier und halte mit Kraft mein Geld zusammen,für „wenn mal was ist“. Springe ein, habe einen Nebenjob, kümmere mich um meine kranke Oma, mache Hausaufgaben mit den Kids und versuche irgendwie Sport zu treiben um arbeitsfähig zu bleiben.

Keiner weiß,was morgen passiert.Was ist,wenn ich in ein paar Jahren auch dran bin.

Ich will jetzt bestimmt nicht dazu auffordern, eure Geldreserven zu verpulvern. Aber macht euch Gedanken, was ist es euch wert? Wir sollten vieles entspannter sehen, und den Urlaub notfalls auch mal etwas mehr kosten lassen.Kauft euch Musik, die ihr gerne hört, esst was ihr wollt,macht Sport weil es Spaß macht, lasst euch auf der Arbeit nicht ärgern.

Das Leben ist zu kurz um es von Geiz und dem Job regieren zu lassen.

Noch diese Woche müssen wir Horst das letzte Geleit geben. Meine Stadt verliert einen Helden. Ich verliere einen Kollegen, andere einen Kumpel, sie verliert ihren Ehemann, ein tolles Mädchen ihren Vater.

Seid ihr fertig?Habt ihr alles gesehen und gemacht,was auf eurer Liste steht? Ihr habt keine Liste? Ich auch nicht.Aber ich werde eine anlegen.

Ich habe etwas ganz wichtiges gelernt letzte Woche.

1. Es kommt immer anders! und 2. als man denkt!

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Angst vor Veränderung

Aufgrund der negativen Veränderungen in meiner Klinik und der kaum aufzuhaltenden Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen in der Pflege beschloss ich vor ein paar Wochen,einfach mal ein paar Bewerbungen rauszuhauen. Mal sehen was so geht. Schlimmer kanns ja kaum werden.

Aufgrund meiner langen Berufserfahrung und meiner Erfahrungen in der Selbstständigkeit war es erstaunlich leicht im privaten Sektor etwas zu finden.Und alle meine Erfahrungen wurden honoriert,es ist unglaublich was man ausserhalb der Klinik verdienen kann! Es war aber auch bestimmt von Vorteil,das ich verhandlungssicher bin und mir nichts wegnehmen lasse.

Anfang der Woche kam dann die Bestätigung,ich kann den neuen Job haben, wenn ich will.Geblendet von der Frage ob ich will (ja,ich wurde GEFRAGT,zum ersten Mal in meinem Pflegeleben hat man mich gefragt!) begann mein Kopf an zu arbeiten.

Der neue Job hat immer noch was mit Medizin zu tun.Aber Montag bis Freitag und relativ geordnete Arbeitszeiten. Viel Kundenkontakt.

Mein Bauch sagt „mach es!“.

Mein Herz sagt „trau dich!“

Das Hirn sagt „du hast 14,5 Jahre gelernt um jetzt was andres zu machen?Du bist ein Idiot!“

Ich halte mich für einen selbstsicheren, starken Menschen. Aber nun bin ich ins straucheln geraten. Die Situation auf die ich lange gewartet habe ist da, und nun beginne ich zu zweifeln.Vielleicht habe ich auch Angst das gewohnte Fahrwasser zu verlassen.

Kann ich meine Kinder weiter in einem 9to5-Job so begleiten wie jetzt im Schichtdienst,wo man auch mal 5 Tage frei haben kann.Wie verlässlich werden meine Arbeitszeiten werden?Was wird mit all meinem Fachwissen im Kopf passieren, wenn es nicht mehr abgefragt wird? Bin ich überhaupt ein Schreibtisch-Mensch?

Letztlich glaube ich nicht, das mein Beruf in der Klinik Zukunft hat.Weder finanziell noch körperlich. Wir wissen alle das es wohl das sicherste ist,sich neu zu orientieren. Aber ich habe nie damit gerechnet das ich so anfangen werde zu zweifeln,wenn sich mir die große Chance auf einen Neuanfang bietet.

Bin ich etwa doch unbewusst auf die in der Pflege übliche Gehirnwäsche reingefallen? Alles für den Dackel,alles für den Club! Dienst am Menschen, allzeit bereit, wenn nicht wir,wer dann?

Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Ich glaube,jede einzelne Hirnwindung vor Schmerzen spüren zu können!

Und wieder mal stehe ich vor der Frage „wer bin ich,wenn ich nicht mehr pflege?“. Nur diesmal ist es so,das ich mich entscheiden muss.Bleibe ich stehen,oder gehe ich weiter ohne zu wissen wo der Weg hingeht?


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Sperrstunde!

Ich fahre seit gut 10 Jahren Rettung in 2 Großstädten im Ruhrgebiet. Hier herrscht eine ganz bestimmte Art von Menschlichkeit. Manchmal einfach, das gebe ich gerne zu. Aber im Grunde lässt es sich hier prima leben.

Sowohl im Rettungsdienst, als auch in der Klinik erlebt man ne ganze Menge, was einen an der Gesellschaft zweifeln lässt.

 

 

Es ist spät. Oder eher gesagt, früh. Ich habe aufgehört die Einsätze zu zählen. 10, 12, 17? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war ich schon 4x im Bett. Aber bis zum Einschlafen hats nie gereicht.

Es ist bestimmt schon 4 Uhr als der Melder mich hindert die Schuhe auszuziehen um den 5. Versuch zu schlafen zu starten. „Schlägerei“, Polizei vor Ort. Ganz toll. Mit dem blitzenden Blaulicht donnern wir durch unseren Stadtteil. Ich mag die Gegend. Ruhig, wunderschöne alte Häuser, ein ganz besonderer Flair. Ein bißchen was besonderes in unserer dreckigen Stadt. Eine Insel. Ich sehe mir gerne während der Fahrt die Gegend an. Ich bin hier groß geworden.

An der Kneipe angekommen, stockt mir kurz der Atem. 6 Streifenwagen stehen kreuz und quer auf der Straße, die Türen noch offen, die Motoren laufen noch. es musste anscheinend verdammt schnell gehen. Die Kneipe ist völlig verwüstet, kein Stein mehr auf dem andren. Mindestens 4 Leute werden grade von den Polizisten gebändigt, 3 Beamte sichern mit der Hand an der Waffe. Auf dem Boden liegt blutverschmiert der schwer verletzte Inhaber. Junger Mann, 5 Jahre jünger als ich. Hat sich mit dem Laden einen kleinen Traum erfüllt. Nein, keinen kleinen Traum. Seinen Traum!

Ihr mögt euch denken „Hey, was ist das für ein Weichei?Ist man das in der Großstadt nicht gewohnt?“. Doch, irgendwie schon.

Aber die Täter, alle Anfang 20, wollten kein Geld, es ging nicht um die üblichen Probleme.

Der Inhaber wollte pünktlich Feierabend machen und nach hause, er forderte die Jungs auf zu gehen. Daraufhin haben sie ihn zu viert bearbeitet und Brennholz aus der nagelneuen Einrichtung gemacht. Niemand darf ihnen vorschreiben, wann sie nach hause gehen! In der Kasse fehlte nicht ein Cent. Niemand hat vorher beleidigt oder Streit gesucht. Ohne Vorwarnung.

Wir versorgen den jungen Mann. Ich bin todmüde und muss mich konzentrieren. Und dennoch schweift mein Blick durch den Laden.Ein Traum! Er muss sein ganzes Geld investiert haben, um sich diesen Traum zu erfüllen. Er hat das gemacht, was ihm Spaß macht, er hat etwas erreicht, was manch andre niemals schaffen werden. Er hat sich aus einem Kreis gelöst, den ich wohl so schnell nicht verlassen kann.

Mich hat die Graumsamkeit und die Brutalität der Jugendlichen bis auf die Knochen schockiert. Ich lebe in einer Zeit, in der Gewalt an der Tagesordnung ist. Aber soetwas habe ich noch nie vorher erlebt.

Mit dieser Generation Mensch muss ich zusammenleben, Tür an Tür. Meine Kinder werden mit denen leben müssen. Wo geht der Weg noch hin? Wo werden wir enden? Was erwartet mich noch? Was passiert beim nächsten Mal, wenn die Polizei nicht vor mir da ist. Muss ich mir auch Sorgen um meine Sicherheit machen? Rote Hosen bedeuten heute nicht mehr automatisch Respekt. Wir werden genau so angegriffen wie die Polizei.

Ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen sozialen Schichten wird wohl nie möglich sein. Aber das, was ich in dieser Nacht erlebt habe, war garantiert nur der Anfang vom Ende.