Desflurator

in einem Dreieck zwischen Klinikalltag, Notfallrettung und zuhause


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safety first!

Gestern am späten nachmittag überkam es mich.Nach ein paar Tagen Pause bedingt durch eine schwere Männergrippe wollte ich unbedingt noch eine Stunde aufs Rad.

Entschluss gefasst, schnell umgezogen und ab die Post.

Unterwegs kam mir spontan der Gedanke, mal eine ganz neue Strecke auszuprobieren. Die Strecke war super. Erst etwas durch die Stadt,dann durch den großen Park und um einen wunderschönen See. Um die Uhrzeit hat man den See auch für sich alleine.

In der 2. Runde kam es dann. Die Kette riss,verfing sich in den Speichen, das Hinterrad blockierte und innerhalb nicht mal einer Sekunde stieg ich elegant ab und landete im Gebüsch.

Da saß ich nu.Eben schnell gucken, alle Extremitäten noch da. Helm unbeschädigt. Schwein gehabt. Klamotten versaut, aber geht noch.

Im Hinterrad ist ne dicke 8, die Speichen rausgerissen und die Kette ist weg.

Dann erst wurde mir klar, ich hab kein Handy mit. Habe ich nie,habe Angst mein Smartphone zu verlieren. Und ich bin nicht auf meiner gewohnten Strecke. Hier sucht mich also auch niemand.

Ich habe mich also aufgekämpft und bin die letzten Kilometer nach hause gehumpelt.

Aus Erfahrung wird man ja klug. Also habe ich meine Radler-Ausrüstung heute um 3 Punkte erweitert.

1. ein altes Prepaid-Handy um notfalls Frau oder Feuerwehr rufen zu können.

2. einen Satz Erkennungsmarken mit Name, Geb-Datum, Blutgruppe und Allergien.

3. Die Reflexbänder gegen welche mit LED ausgetauscht. Die blinken auch weiter wenn man noch im Gebüsch liegt.

Und letztlich nochmal für alle, auch wenn man damit doof aussieht, fahrt niemals ohne Helm! Manchmal sieht man es nicht kommen.


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Nightshift!

ab heute Abend ist es wieder soweit, ich habe wieder Nachtdienst.

Nachtdienst ist toll. Ich arbeite gerne nachts. Es ist weniger Personal da, dadurch wirds deutlich leiser. Nicht so viel Gebrüll. Die diagnostischen Fahrten und Therapien fallen weg. Wir versuchen einen Tag-Nacht-Rhythmus zu imitieren, daher wird alles abgedunkelt und die Alarme etwas leiser gedreht.

Verdammte scheiße, diese Lügerei passt mir nicht. Nachtdienst ist kacke!

Es ist deutlich weniger Personal da, aber die Patienten sind genau so krank wie tagsüber. Anstatt zwei Ärzten, haben wir nur noch einen, der sich um alle kümmern muss. Oft passt es einfach nicht, da müssen wir selbst handeln und uns aufeinander verlassen. Notaufnahmen kommen regelmäßig direkt zu uns, ohne im Schockraum versorgt zu werden. Denn auch dort passt es nachts nicht.

Scheiß auf Tag-Nacht-Rhythmus! Die Alarme ballern die ganze Nacht weiter, die Dialysen sind viel zu laut um daneben zu schlafen. Pflegekräfte brauchen das Licht. Dort wo es möglich ist, nutzen wir Taschenlampen. Stellt euch mal vor, ihr wacht auf und es steht jemand mit einer Taschenlampe neben euch.

Irgendwann kommt der tote Punkt. meist so gegen 3. Du kannst die Augen kaum noch offen halten. Um mich wach zu halten räume ich die Station auf. Schränke auffüllen, Pflegewagen auswaschen und neu befüllen,etc. Alles Sachen die tagsüber nicht gehen. Alles Sachen, die Lärm machen.

Dann kommt der Notfall. Wir unterstützen die jungen Ärzte so gut wir können. Das heißt, ich muss vorher wissen welche Medikamente er haben will, Beatmung und Intubation vorbereiten, Zugänge legen. Manchmal Sachen, die ich eigentlich gar nicht darf, aber dennoch wurde ich jahrelang drauf trainiert es zu können. Für genau diesen Fall.

Maximale Konzentration! Und das bei dem geistigen Zustand eines Faultieres. Da hilft auch kein Adrenalinschub mehr. Obwohl die in letzter Zeit seltener kommen. Ich habe fast alles schonmal gesehen, ich hab weniger Angst als früher. Vieles kann ich auswendig, aber ich darf mich nicht drauf verlassen. Dann werde ich nachlässig.

Bei der Übergabe ist es am schlimmsten. Ich kann mich kaum noch konzentrieren. Manchmal fallen mir die Namen meiner Patienten nicht mehr ein. Ich muss ihnen Nummern geben. Sie bekommen die Nummern der Betten, in denen sie liegen. Manchmal fallen mir einfachste Worte nicht ein.

Dann darf ich nach draußen.

Mist, draußen ist es hell. Ich kann nicht schlafen, wenn es draußen hell ist. Also noch schnell ein Bier, vielleicht hilfts ja. Aber heimlich. Sollten die Kinder zu früh aufstehen, sollten sie das nicht sehen. Dann ab ins Bett und Ruhe finden.

Zwischen den Diensten sehe ich meine Familie nicht, ich komme kaum aus dem Bett raus. Aber nicht weil ich schlafe, sonder weil ich nicht schlafen kann und mir die Kraft fehlt.

Diese Woche habe ich 4 Nachtdienste. Letzte Woche 6. Tage an denen ich meine Kinder nicht sehen, und nicht am Leben teilhaben kann.

Nachtdienst macht krank. Nachts essen macht krank. Tagsüber schlafen macht krank. Meine Kinder nicht sehen macht krank.

Ich mag meinen Job. Tagsüber. Aber nachts kotzt er mich an, und ich wünsche mir, ich hätte was andres gelernt.

Aber der Nachtdienst gehört nunmal zum Job. Dennoch wird der Nachtdienst der Grund sein, warum ich diesen Beruf bald nicht mehr ausüben kann. Heute gehts noch, aber in einem Jahr oder zwei? Ich weiß es nicht. Und vor allem weiß ich nicht, wohin soll ich, wenn ich nicht mehr pflegen kann?


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Internet ist Teufelswerk!

„Internet ist Teufelswerk!“, so warnte mich schon vor Jahren ein Freund.

Ich komme gerade aus dem Urlaub zurück.Ich war an dem wohl schönsten Ort der Welt, einem Ort ohne Mobilfunknetz!

Gerade angekommen stellte ich fest „Mist,gerade mal ein Balken.“ Somit war klar, kein Facebook, kein Twitter, keine Emails, kein Whattsapp. Eine Welt bricht zusammen! Wie soll ich Kontakt zu euch halten?

Der erste Tag war fürchterlich.Ich hatte festgestellt, das ich nach ca. 35 Minuten Fußmarsch an einer Stelle am Strand Netz habe! Wie oft am Tag kann ich da wohl hin,ohne das meine Frau misstrauisch wird?

Ich fragte mich,was hat das Internet aus mir gemacht?Einen Smartphone-Junkie. Abhängig und hilflos. So viele super Tweets, soviele FB-Posts und Swarm-Logins gingen mir verloren.Verdammte Scheiße!

Aber schon am zweiten Tag fragte ich mich, warum kann das Internet sowas aus mir machen? Bin ich selber schuld?

Also im Bücherladen eine Straßenkarte gekauft und alles so gemacht, wie mein Vater es mich gelehrt hat. Und was soll ich sagen,ich hatte die tollste Woche seit langem! Ohne Druck im Nacken erkundete ich die Gegend,saß stundenlang am Strand und sah meinen Kindern beim Buddeln zu.Okay,ohne Uhr und Handy kamen wir zu spät zum Essen. Ich bezweifle auch,das ich sonst schonmal bei einer meiner Radtouren mit meinem Püppchen festgestellt habe, das hinter mir jemand mit ausgebreiteten Armen sitzt und aus voller Überzeugung Lieder aus Disneys „Eiskönigin“ singt. Oder ihre Selbstgespräche beim Spaziergang. Jetzt keine verrückten Gespräche, sondern die eines 5jährigen Kindes, so wie „oh,ein Stein.Noch ein Stein.Na wo kommen die wohl her? Ob der Vogel da drüben Fisch mag? Wo kommt eigentlich der Sand her? Irgendwie riecht es hier nach Fisch. Oh,ein Stein…..“

Am 4. Tag habe ich mich sogar erwischt,wie ich ohne Handy das Haus verlassen habe.Mit Absicht!

Ich habe mich lange nicht mehr so gut und kräftig gefühlt wie diese Woche. Und nur, weil ich auf Internet und ständige Erreichbarkeit verzichtet habe.

Internet ist Teufelswerk. Nicht immer, aber oft.Immer öfter.

Und als ich in den Dünen saß, zwischen Sanddorn und Hagebutte, ging über Heiligendamm (oder wie mein Sohn sagte“ Beten-Dorf) die Sonne unter.Ein paar Wolken hingen noch am Himmel.Und plötzlich tauchte die untergehende Sonne den Himmel und die Ostsee für ca. 4 Minuten in ein solch eindrucksvolles rot,das muss ich euch zeigen…

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Und so habe ich wieder ein paar Meter auf der Suche nach mir selbst zurückgelegt und festgestellt,ohne Ablenkung, mit wachen Augen und offenen Ohren macht die Suche noch viel mehr Spaß!


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Jeder Mensch hat etwas,was ihn antreibt

der Schweiß läuft mir die Stirn runter. Ich trete in die Pedale und freue mich, wie schnell die km-Zahl auf dem Tacho steigt. Die Beine schmerzen, aber irgendwie habe ich auch keine Lust aufzuhören. Meine Fresse, tut das heute weh.

Es ist 7.00 Uhr morgens. Ich kämpfe mich den Fluss entlang. Die Enten schwimmen schnatternd neben mir her, Nebel liegt über dem Wasser und den Ruhrwiesen. Warum ist mir das früher nie aufgefallen?

Ich bin ganz alleine unterwegs.Mag daran liegen,das ich gerade vom Nachtdienst komme. Eigentlich müsste ich ins Bett. Aber es macht grad so einen Spaß.

Ich versuche die Umgebung wahrzunehmen. Es ist einfach toll,ich höre….. nichts! Es ist still. Keine Alarme, kein Geschrei. Früher bin ich mit MP3-Player auf den Ohren gefahren. Aber irgendwann war der Akku leer und ich musste ohne weiter.Da fiel mir diese wundervolle Stille auf.

Ich kämpfe mich weiter. KOMM,GIB DIR MÜHE,HEUTE SCHAFFST DU 2KM MEHR!

Hier bin ich alleine. Kein „Papa oder Pfleger“-Gebrüll. Keine klingelnden Geräte. Kein Handy, keine Emails.

Ich habe einen anstrengenden Job.Eigentlich sogar zwei. Ich sehe Sachen, die ich nicht sehen will. Ich muss für andere Menschen stark sein, wenn ich eigentlich heulen will.  Meine Berufe haben mich krank gemacht. Ich war traurig. Extrem traurig. Ohne fremde Hilfe wäre ich wohl nicht aus diesem Loch gekommen.

Jeder Mensch benötigt einen Ausgleich. Und jetzt sagt mir nicht, „die Familie ist mein Ausgleich“.Ist sie nicht. So sehr ich meine Familie auch liebe, es ist so Jeder in unserem Beruf muss etwas nur für sich alleine machen. Etwas, was ihn erschöpft und stärkt zugleich. Wandern, Basteln, Schwimmen, irgendetwas.

Ich fahre Mountainbike. Jetzt. Wieder. Ich konnte es mehrere Jahre nicht,mir fehlte die Kraft. Seit 2 Monaten bin ich wieder dran. Klar, ich werde kein Rennen gewinnen, und niemand steht an meiner Strecke und feuert mich an. Obwohl ich in meinem Dress wohl verdammt cool aussehe. Aber darum geht es hier nicht.

Es geht um das müde, verletzliche Wesen in mir, das mit seinem Beruf überfordert ist. Es geht um den erschöpften Vater, der 3 Kinder versorgt ohne auf sich selbst zu achten. Es geht um den Ehemann, der einschläft bevor er „Gute Nacht“ sagen kann.

Lasst nicht zu, das dieses Wesen Besitz von euch ergreift. Hebt eure Häupter und kämpft. Schämt euch nicht für eure Müdigkeit! Der Beruf frisst euch auf. Langsam, ganz langsam.

Gestern hat es geregnet. Ich bin wie ein kleines Kind voller Freude durch die Matsche gefahren und habe keine Pfütze ausgelassen. Zuhause angekommen ist die erste Frage „wie siehst du denn aus!“

Wie sehe ich aus? Wie ein Schwein! Wie ein glückliches, zufriedenes, ausgeglichenes Schwein…


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aus dir wird mal was!

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Fortbildung in Nürnberg. Ja,wer mich hier und auf Twitter verfolgt weiß,ich komme nicht aus Nürnberg. War schon eine kleine Reise.

Dort habe ich etwas erlebt,wovon ich euch erzählen muss. Eigentlich sollte es kein Blogbeitrag werden. Aber ich habe gemerkt,das es mich immer wieder beschäftigt und ich den Beitrag mehrfach angefangen und gespeichert habe.

Nach der Mittagspause und auf dem Weg zur nächsten Prüfung platze ich zufällig in ein Gespräch, in der sich eine Kollegin als „Obergruppenpflegerin“ vorstellte.

Obergruppenpflegerin,was ist das denn für ein Wort?

Viele Infos über ihren Aufgabenbereich bekam ich nicht,denn mich amüsierte dieser Titel so sehr,das die Kollegin sich angegriffen fühlte und das Gespräch abbrach.

Effektiv war sie wohl voll verantwortlich für eine kleine Gruppe Pflegekräfte, irgendwo zwischen Schicht- und Stationsleitung.

Hier wurde eindeutig jemand „angefüttert“.Wie in der Pflege allseits üblich wird Mitarbeitern glaubhaft gemacht,das mal richtig was aus ihnen wird wenn sie ein paar zusätzliche Aufgaben übernehmen.

Solange es Menschen gibt,die solche Beförderungen annehmen, ist echtes Personalmanagement unmöglich!

Ich habe mal einen Bettenbeauftragten kennengelernt.Sehr stolz auf seinen Job und übte diesen gewissenhaft aus. Wobei,seine Aufgabe war nicht die Instandhaltung der Betten,sondern die Kontrolle auf Vollzähligkeit. Hallo?Ein 3jährig examinierter Pfleger zählt Betten?

Leute, lasst euch nicht ausnutzen. Übernahme von Verantwortung für Mensch und Material muss honoriert werden! Versteht mich nicht falsch, es spricht nichts dagegen der Leitung hin und wieder mal bißchen zur Hand zu gehen und Aufgaben abzunehmen.

Aber das erfinden von Titeln,und Ausstatten mit fragwürdigen Weisungsbefugnissen ist keine Personalführung, sondern ihr werdet geknebelt damit ihr eure Schnauze haltet. Durch das subjektive Machtgefälle soll ein Keil in die Mannschaft getrieben werden um Gruppenbildung zu vermeiden! Durch das Zwischenschalten von immer neuen Hierarchieebnen gehen Informationen verloren,aber es werden auch immer neue Schuldige geboren! Und Schuldige kann es in einer Klinik nie genug geben.

PDLs und Klinikleitungen müssen sich Gedanken machen, wie man Personal effektiv führt um es zu halten und zu motivieren.

Nur zusammen können wir die Arbeitsbedingungen nachhaltig ändern. Und das bedeutet, verzichtet auf fragwürdige Beförderungen und konzentriert euch auf euren Job und das eigentlich wichtige, eure Patienten!


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Sperrstunde!

Ich fahre seit gut 10 Jahren Rettung in 2 Großstädten im Ruhrgebiet. Hier herrscht eine ganz bestimmte Art von Menschlichkeit. Manchmal einfach, das gebe ich gerne zu. Aber im Grunde lässt es sich hier prima leben.

Sowohl im Rettungsdienst, als auch in der Klinik erlebt man ne ganze Menge, was einen an der Gesellschaft zweifeln lässt.

 

 

Es ist spät. Oder eher gesagt, früh. Ich habe aufgehört die Einsätze zu zählen. 10, 12, 17? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war ich schon 4x im Bett. Aber bis zum Einschlafen hats nie gereicht.

Es ist bestimmt schon 4 Uhr als der Melder mich hindert die Schuhe auszuziehen um den 5. Versuch zu schlafen zu starten. „Schlägerei“, Polizei vor Ort. Ganz toll. Mit dem blitzenden Blaulicht donnern wir durch unseren Stadtteil. Ich mag die Gegend. Ruhig, wunderschöne alte Häuser, ein ganz besonderer Flair. Ein bißchen was besonderes in unserer dreckigen Stadt. Eine Insel. Ich sehe mir gerne während der Fahrt die Gegend an. Ich bin hier groß geworden.

An der Kneipe angekommen, stockt mir kurz der Atem. 6 Streifenwagen stehen kreuz und quer auf der Straße, die Türen noch offen, die Motoren laufen noch. es musste anscheinend verdammt schnell gehen. Die Kneipe ist völlig verwüstet, kein Stein mehr auf dem andren. Mindestens 4 Leute werden grade von den Polizisten gebändigt, 3 Beamte sichern mit der Hand an der Waffe. Auf dem Boden liegt blutverschmiert der schwer verletzte Inhaber. Junger Mann, 5 Jahre jünger als ich. Hat sich mit dem Laden einen kleinen Traum erfüllt. Nein, keinen kleinen Traum. Seinen Traum!

Ihr mögt euch denken „Hey, was ist das für ein Weichei?Ist man das in der Großstadt nicht gewohnt?“. Doch, irgendwie schon.

Aber die Täter, alle Anfang 20, wollten kein Geld, es ging nicht um die üblichen Probleme.

Der Inhaber wollte pünktlich Feierabend machen und nach hause, er forderte die Jungs auf zu gehen. Daraufhin haben sie ihn zu viert bearbeitet und Brennholz aus der nagelneuen Einrichtung gemacht. Niemand darf ihnen vorschreiben, wann sie nach hause gehen! In der Kasse fehlte nicht ein Cent. Niemand hat vorher beleidigt oder Streit gesucht. Ohne Vorwarnung.

Wir versorgen den jungen Mann. Ich bin todmüde und muss mich konzentrieren. Und dennoch schweift mein Blick durch den Laden.Ein Traum! Er muss sein ganzes Geld investiert haben, um sich diesen Traum zu erfüllen. Er hat das gemacht, was ihm Spaß macht, er hat etwas erreicht, was manch andre niemals schaffen werden. Er hat sich aus einem Kreis gelöst, den ich wohl so schnell nicht verlassen kann.

Mich hat die Graumsamkeit und die Brutalität der Jugendlichen bis auf die Knochen schockiert. Ich lebe in einer Zeit, in der Gewalt an der Tagesordnung ist. Aber soetwas habe ich noch nie vorher erlebt.

Mit dieser Generation Mensch muss ich zusammenleben, Tür an Tür. Meine Kinder werden mit denen leben müssen. Wo geht der Weg noch hin? Wo werden wir enden? Was erwartet mich noch? Was passiert beim nächsten Mal, wenn die Polizei nicht vor mir da ist. Muss ich mir auch Sorgen um meine Sicherheit machen? Rote Hosen bedeuten heute nicht mehr automatisch Respekt. Wir werden genau so angegriffen wie die Polizei.

Ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen sozialen Schichten wird wohl nie möglich sein. Aber das, was ich in dieser Nacht erlebt habe, war garantiert nur der Anfang vom Ende.


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Uschi kann nix dafür!

Der Feierabend nahte,Übergabe war abgeschlossen und gefühlt waren wir schon in der Umkleide. Der Nachtdienst war wirklich mies besetzt,ein bißchen taten die Kollegen mir leid.
Plötzlich das meistgehasste Geräusch im Haus,ein aufdringliches Klingeln, Schockraum-Alarm.Eigentlich sind wir von der Intensiv nicht zuständig,aber die Anästhesie war im OP beschäftigt.
„Z.n. Sturz, intubiert/beatmet,GCS von 3, aktuell drucklos“.
Klar war,unser Nachtdienst konnte das nicht stemmen.Es fehlten schon 2 Leute,wenn jetzt noch jemand im Schockraum verschwindet fehlen 3 von 6.
Also wieder rein ins blaue Beinkleid und runter in die Ambulanz.
Wie üblich heißt sie bei mir Uschi.Im Pott heißen sie alle Uschi. Uschi ist Mitte 80,hatte schon seit Tagen Luftnot.Jetzt ist sie auf der Straße gestürzt,hat sich am Kopf verletzt und musste mehrfach wiederbelebt werden.
Es hat gut 1,5 Std gedauert,bis wir sie stabil auf die Intensiv verlegen konnten.

Dort erwarteten mich böse Blicke, was mir einfallen würde länger zu bleiben! Damit zeige ich nur wieder, das es auch so geht und immer jemand blöd genug ist länger zu bleiben.Unsere Position im Kampf um die grad gestrichenen 2 Vollzeitstellen habe ich damit weit zurückgeworfen.

Ich bin entsetzt!
Wir Pflegenden führen seit Jahren den Kampf um mehr Personal.Und ja, wir sind an dem Punkt angekommen,an dem wir die Patienten mit einbeziehen und informieren müssen!Nur so kommen wir weiter.Nur so wird der Öffentlichkeit bewusst, das hier etwas schiefläuft. Jedem, der in eine Klinik kommt muss bewusst sein, was hier abgeht. Wir müssen allen die Augen öffnen, das Pflege nicht mehr das ist, was es mal war!

Aber ich frage euch ganz offen

WAS UM GOTTES WILLEN KANN USCHI DAFÜR?

Das Problem liegt in der Politik,an den Krankenkassen, an den Medien,und letztlich an jedem einzelnen der nichts dagegen tun, an jedem der denkt das wir Pflegekräfte Hilfskellner sind!

Uschi, die gerade beatmet und lebensgefährlich verletzt,blutverschmiert und vollgekotzt vor mir liegt, hat nichts mit meinem Stellenplan und meiner Bezahlung zu tun! Sie braucht meine Hilfe. Und zwar jetzt! Ohne Diskussionen um Stellenpläne und Arbeitskämpfe. Denn das ist aktuell mein Job! Pflegen,Leben retten, Leiden lindern.

Denn am Ende haben wir uns alle diesen Job freiwillig ausgesucht. Wer sich für Pflege entscheidet, entscheidet sich für Schichtdienst, Rückenschmerzen, Anblicke nahe dem Brechreiz, Exkremente, traurige Momente, verängstigte Menschen,nervende Menschen und Momente in denen man harte Entscheidungen schnell fällen muss.Und eben Überstunden.

Also beschwert euch nicht, und überlegt euch mal wieder warum ihr diesen Beruf gewählt habt!

Kämpft mit uns gemeinsam!Macht euch stark, macht euch groß, geht mit Stolz und Würde in den Kampf!
Aber um Gottes Willen, lasst es nicht an den Patienten aus! Miteinander durch Information,nicht Gegeneinander durch Unterlassen, das ist der Weg.